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»Verbotener Umgang«

Die deutsche Bevölkerung sollte sich aufgrund ihrer behaupteten rassischen Überlegenheit von den Ausländern möglichst fern halten. Dies galt insbesondere für sexuelle Kontakte. Solche Verbindungen konnten unter Hinweis auf das »gesunde Volksempfinden«  jederzeit kriminalisiert werden. Für den »intimen Umgang« mit Polen, »Ostarbeitern« und Kriegsgefangenen galt ein Sonderstrafrecht.

Natürlich kam es dennoch zu sexuellen Begegnungen zwischen Einheimischen und Ausländern. Wurden diese entdeckt, begann jedoch ein schlimmes Kesseltreiben. Oft reichte schon die bloße Anschuldigung, um die Betroffenen in höchste Gefahr zu bringen. Maciej Gralak aus Polen, der in Willershausen arbeitete, wurde nach einem solchen Vorwurf über das AEL Breitenau in das KZ Auschwitz deportiert. In Sieboldshausen richtete die Gestapo 1942 den 19-jährigen Polen Tadeusz Switoslawski hin, weil er angeblich »intime Beziehungen« mit einer Einheimischen gehabt hatte. Alle polnischen Arbeiter aus der Umgebung mussten an der Hinrichtung beim Jägerberg teilnehmen. Für zwei polnische Arbeiter aus Nesselröden wurde aus demselben Grund von der Gestapo »Sonderbehandlung« vorgeschlagen, das heißt sie wurden wohl ebenfalls hingerichtet.

Auch für die deutschen Beteiligten hatte der Vorwurf des »intimen Umgangs« mit Ausländern schlimme Folgen. Zuchthausstrafen waren das Mindeste, zudem sorgte die Gestapo dafür, dass die Vorgänge bekannt, die Opfer gründlich diskreditiert und ihre Privatleben ruiniert wurden. So geschah es zum Beispiel bei vier Frauen aus Einbeck, die sich mit französischen Arbeitskollegen sonntags am Altendorfer Berge getroffen hatten. Ihre Verhaftung erregte beträchtliches Aufsehen. Den Ortsbauernführer von Reyershausen, der angeblich ein Verhältnis mit einer bei ihm arbeitenden Polin hatte, schützte auch sein Amt nicht vor der Einweisung ins KZ.

Im Ort Uschlag freundete sich der polnische Zwangsarbeiter Władyslaw Stankowski mit der Landarbeiterin Lina Schäfer an. Dieses Verhältnis wurde selbst dann nicht verraten, als Lina Schäfer schwanger wurde und eine Fehlgeburt erlitt. Bei der zweiten Schwangerschaft bewahrte die Befreiung das Paar vor den drohenden Folgen. Als die Tochter im Dezember 1945 geboren wurde, hatten die Eltern bereits geheiratet. Monate vorher hätte ihre Liebe sie ihr Leben kosten können.

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»Todesursache: Hinrichtung durch den Strang«. Wegen angeblicher »intimer Beziehungen« mit einer Einheimischen musste Tadeusz Switoslawski aus Polen im Alter von 19 Jahren sterben:

Quelle: Landkreis Göttingen


Der Ortsbauernführer des Ortes Reyershausen kam wegen angeblicher sexueller Kontakte mit einer polnischen Zwangsarbeiterin ins KZ:

Quelle: Kreisarchiv Göttingen, unverzeichneter Bestand »Strafmitteilungen NS-Zeit und danach«

 


Quelle:
Lina Stankowski, Uschlag


Quelle:
Lina Stankowski, Uschlag