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Station 9

Industrie

Auszug aus Station 9 der Ausstellung

Leokadia Adamkiewicz ist 16, als sie im April 1942 aus ihrem Heimatort Łuczyce bei Kowel im sowjetisch besetzten Teil Polens im Güterzug nach Duderstadt verschleppt wird. Im Barackenlager fotografiert man sie, nimmt die Fingerabdrücke und verpasst ihr die Nummer 8207. In den Poltewerken produziert Leokadia in 12-Stunden-Schichten Schießpulver und Hülsen und wickelt Drähte. Zum Hunger kommt mangelhafte Kleidung: Holzschuhe, Rock, Jacke. Manchmal schlägt ihr Meister sie.

Leokadia Adamkiewicz, „Ostarbeiterin“ Nr. 8207

Leokadia Adamkiewicz, „Ostarbeiterin“ Nr. 8207 bei den Polte-Werken Duderstadt. Das Bild wurde bei ihrer Ankunft im Lager im April 1942 gemacht. Damals war sie 16 Jahre alt.
Quelle: Leokadia Adamkiewicz, Łuczyce/ Kreisarchiv Göttingen

Im Oktober 1944 wird Leokadia zusammen mit anderen Zwangsarbeiterinnen in die Heeresmunitionsanstalt in Volpriehausen versetzt, wo sie erneut in der Rüstungsproduktion arbeiten muss. Die Arbeit findet unter Tage statt, im früheren Kalisalzbergwerk „Wittekind-Hildasglück“. Hier unten wird auch die Mahlzeit während der zwölfstündigen Arbeitszeit eingenommen. Die Unterbringung erfolgt oberirdisch in einem Barackenlager mit sechs Personen pro Raum.

In ihrer Holzbaracke muss Leokadia etliche Luftangriffe miterleben. Sie hat Angst um ihr Leben. Nach einem heftigen Angriff um Neujahr 1945 herum verschickt man sie und ihre Leidensgefährtinnen nach Northeim. Dort müssen die jungen Frauen im „Werk III“ der Firma Anton Piller Flugzeugteile herstellen. Eine Arbeitsschicht dauert zwölf Stunden. An einem Tag im März 1945 zerstören Bomben die Wohnbaracken. Damit hat die Zwangsarbeit für die Frauen ein Ende.

Der Werksausweis des Dolmetschers und Vertrauensmannes der Italiener auf der Baustelle Rhumspringe, Giuseppe Chiampo

Der Werksausweis des Dolmetschers und Vertrauensmannes der Italiener auf der Baustelle Rhumspringe, Giuseppe Chiampo, der ihm den Zutritt zum Werksgelände ermöglichte.
Quelle: Nachlass Giuseppe Chiampo, Padova

Die Schickert-Werke Rhumspringe

Die Schickert-Werke Rhumspringe zum Zeitpunkt der Befreiung 1945.
Quelle: H.J. van Melick, Neer


Südniedersachsen war zu Beginn der NS-Herrschaft überwiegend land- und forstwirtschaftlich geprägt. Es gab nur wenige, unbedeutende industrielle Zentren.

Ein wesentlicher Bestandteil der NS-Politik war eine ungeheure Aufrüstung. Hierfür wurde die gesamte deutsche Wirtschaft den Zwecken der „Wehrwirtschaft“ unterstellt. Dies brachte die Stärkung aller Betriebe, die sich in die rüstungswirtschaftlichen Ziele einbringen konnten, ebenso mit sich wie eine Verlagerung von Betrieben und Betriebsteilen, aber auch die zwangsweise Schließung nicht kriegswichtiger Unternehmen. Vor diesem Hintergrund erlangte auch in Südniedersachsen der industrielle Sektor stärkere Bedeutung als zuvor.

Bald herrschte in den Industriebetrieben Arbeitskräftemangel, besonders Facharbeiter fehlten. Zugleich wuchs der Druck auf die verbliebenen Arbeitskräfte gewaltig: Hohes Arbeitstempo, Ausweitung der Arbeitszeiten und Überstunden, viele Arbeitsunfälle, politische und wirtschaftliche Überwachung bis hin zu offenem Terror im Betrieb kennzeichneten diese Entwicklung. Ideologisch unerwünschte Arbeitskräfte wurden in die Industriebetriebe gezwungen: einheimische Frauen und ausländische Zwangsarbeitende, dazu Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge, Gefängnisinsassen. Ohne den Einsatz von Zwangsarbeitenden wäre die deutsche Wirtschaft zusammengebrochen. Mit ihrer Arbeit unterstützten sie unfreiwillig die fortdauernde Besatzung und Zerstörung ihrer Heimat und verlängerten die Zeit ihrer eigenen Unfreiheit.