Textgröße:  A   A+   A++

Station 8

In der Stadt

Auszug aus Station 8 der Ausstellung

Olga Aleksejewna S. aus der Sowjetunion arbeitet acht Stunden täglich montags bis samstags bei der Firma Winkel-Zeiss in Göttingen. An ihrem freien Sonntag nimmt die 18-Jährige Putzarbeit in einem privaten Göttinger Haushalt an. Nur so bekommt sie etwas mehr an Essen und gebrauchte Kleidung. Urlaub hat sie nie.

„Eines Tages (…) kam zu uns in die Baracke ein Polizist und sagte: ‚Wer in einer deutschen Familie arbeiten will, muss morgen zum Tor kommen.’ Ich und andere sind gegangen und haben uns in einer Reihe aufgestellt. Hinter dem Stacheldraht auf der Straße standen die deutschen Frauen und wählten sich eine Arbeiterin aus. Der Polizist schrieb die Nummer auf und sagte uns, wann wir ins Lager zurückkehren müssten.

Ich habe die Wohnung geputzt, die Wäsche gewaschen und noch irgendetwas. Die Hausfrau hat mir etwas zum Essen gegeben und etwas zum Mitnehmen.

Um das Hungern etwas zu lindern, bettelt Olga Aleksejewna S. zusammen mit einer Freundin in der Göttinger Innenstadt. „Das war Anfang 1943, als es uns erlaubt wurde, zwei Stunden spazieren zu gehen. Einige gaben uns Almosen, einige gaben uns keine. Stehlen konnten wir nichts und nirgends.“

NS-Propagandafoto! Betriebsküche Schneeweiß, vermutlich Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa, 1942.

NS-Propagandafoto! Betriebsküche Schneeweiß, vermutlich Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa, 1942.  Quelle: Propagandafotos der Deutschen Arbeitsfront (D.A.F.) 1942, Städtisches Museum Göttingen

Selbstdarstellung der Firma Schneeweiß zum Thema Zwangsarbeit

Selbstdarstellung der Firma Schneeweiß zum Thema Zwangsarbeit (Auszug aus der Firmenchronik).  Quelle: Chronik Schneeweiss Göttingen 1948, Städtisches Museum Göttingen

Zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter waren während der Kriegsjahre im städtischen Alltagsleben sehr präsent. Im Verlauf des Krieges beschäftigten nahezu alle Betriebe sowie viele private Haushalte eine oder mehrere ausländische Zwangsarbeitende. Diese arbeiteten u. a. in kommunalen Behörden, bei der NSDAP und der SA, in Theatern, auf Grünflächen und Friedhöfen, in Cafés, Gaststätten, Betriebs- und Lagerküchen, Fleischereien, Bäckereien, Hotels, Kliniken und Arztpraxen, im Einzelhandel und Handwerk, in Holzwerken, Gärtnereien, Brauereien, Autohallen, Textilbetrieben, mittleren Industriebetrieben, Baufirmen, Zeitungen und Verlagen, Gas- und Wasserwerken, bei der Müllabfuhr, für Kirchen, in Schulen und an der Universität.

Die örtlichen Arbeitsämter waren für die Vermittlung und Verteilung der zivilen Zwangsarbeitenden zuständig. Jede Privatperson, jede städtische Einrichtung oder Firma, die eine Zwangsarbeiterin oder einen Zwangsarbeiter beschäftigen wollte, musste zunächst einen Antrag beim Arbeitsamt stellen.

Vor dem Haus der Bäckerei und Konditorei Adolf Arens

Vor dem Haus der Bäckerei und Konditorei Adolf Arens in Hann. Münden, Lange Straße 47. Von links nach rechts: Der Geschäftsinhaber Adolf Arens, der französische Kriegsgefangene Marcel C., ein deutscher Lehrling, Konditor Hagemann, der französische Kriegsgefangene Antoine C.
Quelle: Kreisarchiv Göttingen/ Irmgard Gemm, Hann. Münden