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Station 6

Zwangsarbeiter aus Italien

Auszug aus Station 6 der Ausstellung

„Kein_Feierabend“: Giuseppe Chiampo als Schreiber im Lager Hilkerode

Giuseppe Chiampo als Schreiber im Lager Hilkerode. Auch diese Arbeit zieht sich hin…
Quelle: Nachlass Giuseppe Chiampo, Padova

Giuseppe Chiampos Einheit von alpini (Gebirgssoldaten) in Merano (Meran) wird am 9. September 1943 von deutschen Truppen entwaffnet und in das „Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlager“ (Stalag) Fallingbostel gebracht. Weil Giuseppe sich wie die allermeisten seiner Kameraden weigert, den Krieg an der Seite der Wehrmacht fortzusetzen, wird er zum rechtlosen IMI (Italienischer Militärinternierter) erklärt und dem Arbeitskommando (Ako) 6008 zugeteilt. Die Gefangenen kommen in ein streng bewachtes Barackenlager in Hilkerode und müssen auf der Baustelle der Otto-Schickert-Werke in Rhumspringe ohne Handschuhe und entsprechende Kleidung Zement schaufeln und transportieren. Sie erhalten lediglich eine Suppe aus Raps und Kartoffeln sowie ein Stück Brot und ein bisschen Margarine. Vor Giuseppes Augen, der als Schreiber in der warmen Baracke bleiben kann, sterben die IMI reihenweise. Erst die offizielle Statusumwandlung in „Zivilarbeiter“ im August 1944 bessert die Verhältnisse etwas. Am 11. April wird das Ako von amerikanischen Truppen befreit. Giuseppe organisiert die Evakuierung der 200 Italiener, die in Hilkerode geblieben sind, und geht mit ihnen zu Fuß Richtung Süden.

Werksausweis der Otto-Schickert-Werke für Sisto Quaranta (Innenansicht).

Werksausweis der Otto-Schickert-Werke für Sisto Quaranta (Innenansicht).
Quelle: Sisto Quaranta, Rom/ Istituto di Storia Contemporanea „Perretta“, Como

Sisto Quaranta wird im April 1944 nach einer Razzia im römischen Stadtviertel Quadraro als politischer Gefangener nach Deutschland verschleppt. Auch er kommt in das Italienerlager Hilkerode und muss auf der Baustelle in Rhumspringe arbeiten. In den von Läusen heimgesuchten Baracken lernt er den deutschen Drill kennen, der aus Drohungen und exemplarischen Bestrafungen besteht. Sisto versucht wie alle zu überleben, er riskiert die gesamte Bandbreite an Strafen, indem er Blechspielzeug, das er selbst herstellt, bei den Wächtern und den Frauen des Dorfes heimlich gegen Essen eintauscht. Eines Tages täuscht er einen Unfall vor und zerstört eine Ladung Porzellanschalter. Nach der Befreiung durch die Alliierten beteiligt sich Sisto an der Ausplünderung der Fabrik. Am 9. August 1945 erreicht er seine römische Heimat. Etwa 350 Zivilisten des Quadraro kommen nicht mehr zurück.

Grabkreuze der Italiener auf dem Friedhof Hilkerode, ca. 1950

Grabkreuze der Italiener auf dem Friedhof Hilkerode, ca. 1950.
Quelle: Nachlass Giuseppe Chiampo, Padova

Auf der Skala der Ausbeutung, welche nach politischen, ökonomischen und rassistischen Kriterien definiert wird, befanden sich die italienischen Zwangsarbeiter fast auf der gleichen Ebene wie die Gefangenen der Roten Armee der UdSSR. Die Aufkündigung der deutsch-italienischen Allianz 1943 weckte den tief sitzenden Rassismus gegenüber den „südländischen Verrätern“. Allgemeine Verachtung, Strafen, Misshandlungen und Hunger waren an der Tagesordnung und trafen nicht nur die gefangenen italienischen Soldaten, sondern auch die Zivilarbeiter und politischen Gefangenen.