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Station 4

Zwangsarbeitende aus Polen

Auszug aus Station 4 der Ausstellung

Wenige Tage nach ihrem zehnten Geburtstag wird das Haus in Warszawa (Warschau), in dem Stefania Włodarczyk mit ihren Eltern und vier Geschwistern lebt, von deutschen Soldaten umstellt. Nur mit dem, was sie am Leibe haben, müssen die Włodarczyks die Stadt verlassen. Die Mutter wird mit ihren Kindern nach Northeim gebracht und dort wie auf einem Viehmarkt den einheimischen „Arbeitgebern” präsentiert. Da aber niemand eine schwangere Frau mit fünf Kindern haben will, kommt die Familie ins Lager Schwellentränke an der Eisenbahnlinie. Das Lager ist mit Stacheldraht umgeben und man darf es nicht verlassen.

Dienstausweis der Deutschen Reichsbahn für Stefania Włodarczyks Mutter

Der Dienstausweis der Deutschen Reichsbahn für Stefania Włodarczyks Mutter diente gleichzeitig als Passierschein.  Quelle: Stefania Włodarczyk/ Fundacja Polsko-Niemiecki Pojednanie (Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung)

Stefanias Mutter muss zunächst Eisenbahngleise reparieren, die bei Luftangriffen auf Northeim zerstört wurden. Später muss sie am Bahnhof und Güterbahnhof für die deutschen Eisenbahner putzen, heizen und Kaffee kochen. Die Kinder bleiben im Lager zurück und müssen dort unter dem Furcht einflößenden Kommando des Lagerkommandanten, eines SS-Mannes, den alle „Polizei“ nennen, das Lager putzen und Briketts schleppen. „Im Sommer und Herbst war die Arbeit noch erträglich, aber im Winter, nur in mein Sommerkleidchen gekleidet, war es wirklich schwer. Doch es gab keine andere Wahl, denn wenn eines von uns sagte, es sei ihm oder ihr kalt, schlug der ‚Polizei‘ mit einem Gummiknüppel auf uns ein und sagte: ‚Wenn ihr arbeitet, wird es euch schon warm.‘“

Stefanias Familie wird im April 1945 von amerikanischen Truppen befreit.

Stefania Włodarczyk als 12jährige Schülerin in Northeim (1946)

Stefania Włodarczyk als 12jährige Schülerin in Northeim (1946). Frühere Bilder von ihr existieren nicht – sie wurden sämtlich von Deutschen in Warschau vernichtet.
Quelle: Stefania Włodarczyk/ Fundacja Polsko-Niemieckie Pojednanie

Die polnische Bevölkerung wurde nur als Arbeitskraft im Dienste der deutschen „Herrenrasse” toleriert. Bereits einige Tage nach Kriegsbeginn wurden auf dem polnischen Gebiet deutsche Arbeitsämter gegründet und die Arbeitspflicht für die gesamte Bevölkerung eingeführt. Der Versuch der deutschen Besatzungsbehörden, Arbeitskräfte „freiwillig“ anzuwerben, scheiterte, so dass die Anwerbungen ab Mitte 1940 gewaltsam unter Einsatz der Polizei durchgeführt wurden. Gleichzeitig fanden in Großstädten großflächige Straßenrazzien zur Beschaffung weiterer Arbeitskräfte statt.

Nazipropaganda: Ein an Deutsche adressiertes Flugblatt, das vor Kontakten zu Polen warnt.

Nazipropaganda: Ein an Deutsche adressiertes Flugblatt, das vor Kontakten zu Polen warnt.
Quelle: Fundacja Polsko-Niemiecki Pojednanie (Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung)

Alle polnischen Zwangsarbeitenden im Reich waren verpflichtet, auf der rechten Brustseite ein Zeichen mit dem Buchstaben „P” zu tragen. Regelwidrigkeiten bei der Arbeit wurden mit der Einlieferung in ein Arbeitserziehungs- oder gar in ein Konzentrationslager bestraft.

Polnischen Zwangsarbeitenden war es verboten, ihren Arbeitsort zu verlassen, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen, am Gottesdienst und an jeglichen Festen teilzunehmen, Kinos, Theater und Restaurants gemeinsam mit Deutschen zu besuchen. Sexuelle Beziehungen mit Deutschen wurden mit dem Tod bestraft. Kinder von Zwangsarbeitenden durften die Schule nicht besuchen und mussten ebenfalls arbeiten.