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Station 13

Danach

Auszug aus Station 13 der Ausstellung

Lina Schäfer in Uschlag heiratet den befreiten polnischen Zwangsarbeiter Władysław Stankowski und bringt 1945 eine gemeinsame Tochter zur Welt. Stankowskis bleiben als Land- und Hausarbeiter in Uschlag und können 1959 ein eigenes Haus beziehen. Im Januar 2008 stirbt Władysław Stankowski. Bei der Trauerfeier nimmt das ganze Dorf Abschied.

Lina und Władysław Stankowski bei ihrer Goldenen Hochzeit 1995

Lina und Władysław Stankowski bei ihrer Goldenen Hochzeit 1995.
Quelle: Lina Stankowski, Uschlag


Stefania Jadwiga Włodarczyk
lebt mit ihrer Familie bis 1947 in verschiedenen Lagern für „Displaced Persons“ (DPs) in Südniedersachsen. Sie besucht die polnische Schule in Northeim. Da ihre Heimatstadt Warschau völlig zerstört ist, fährt die Familie bei ihrer Rückkehr nach Polen zu Verwandten nach Sochaczew. Lange Zeit verbringen die Włodarczyks in großer Armut. Sie erhalten die offizielle Mitteilung, dass der Vater im KZ gestorben ist. Bald darauf stirbt auch die Mutter infolge der in Deutschland erlittenen Strapazen. Stefania Włodarczyk lebt noch heute in Sochaczew.

Schülerinnen und Schüler vor der polnischen Schule in Northeim, die Stefania Włodarczyk besuchte (1946)

Schülerinnen und Schüler vor der polnischen Schule in Northeim, die Stefania Włodarczyk besuchte (1946).
Quelle: Stefania Włodarczyk/ Fundacja Polsko-Niemieckie Pojednanie


Frits Winkelmolen
nimmt nach der Rückkehr in seine Limburger Heimat sein gewohntes Leben wieder auf. Zusammen mit seinem Bruder arbeitet er wieder in einem Baubetrieb. Er heiratet, bekommt acht Kinder, spielt Trompete. Im Alter baut er Babyzimmer für alle 15 Enkelkinder und ist noch oft in der alten Werkstatt. Kurz nach seinem 86. Geburtstag stirbt er am 6. November 2007 in Neer.

Wiedersehen der ehemaligen Hilkeröder Zwangsarbeitenden aus der Provinz Limburg, Helden 1946

Wiedersehen der ehemaligen Hilkeröder Zwangsarbeitenden aus der Provinz Limburg, Helden 1946.
Quelle: Lena Winkelmolen-Schreurs, Neer


Giuseppe Chiampo
leidet nach seiner Rückkehr zu den Eltern unter großer geistiger und körperlicher Erschöpfung. Sein Ingenieurstudium muss er wegen schwerer Konzentrationsstörungen abbrechen. Eine große Hilfe bei der Rückkehr ins soziale Leben sind gemeinsame Freunde beim Italienischen Alpenverein C.A.I. und sein Engagement beim dortigen Chor. Nach einem Studium der Pädagogik mit dem Schwerpunkt Arbeitspsychologie arbeitet Giuseppe Chiampo zunächst als Angestellter, bis er sich 1982 als Psychologe selbstständig macht. Am 24. März 2003 stirbt Giuseppe Chiampo in Padova. Posthum erscheinen seine Erinnerungen an die Erlebnisse als IMI unter dem Titel „Überleben mit Stift und Papier“ als Buch auf Deutsch.

Chiara und Giuseppe Chiampo mit ihren Söhnen

Chiara und Giuseppe Chiampo mit ihren Söhnen auf der selbstgezimmerten Holzbank während des alljährlichen Zelturlaubs in Italien, 1964.
Quelle: Nachlass Giuseppe Chiampo, Padova


Nadeshda Ryndina
wird mit acht Jahren im April 1945 auf einen Bauernhof bei Göttingen befreit. Ihr Heimatort Mazowo wurde von der Wehrmacht vernichtet. So werden Nadeshda, ihre Mutter und Verwandte nach Smolensk geschickt, um dort alle Kriegszerstörungen zu beseitigen. Nach Jahren der Armut kann Nadeshda Ryndina ein Studium absolvieren und bis zur Pensionierung im Frühjahr 1992 als Buchhalterin arbeiten. Eine Zusatzrente für frühere Zwangsarbeitende erhält sie nicht, weil die amtlichen Belege für ihre Verschleppung und den Arbeitseinsatz in Deutschland fehlen.

: Passagen aus dem Bescheid des Bundesverwaltungsamts Köln vom 11. Mai 1971 und aus dem Urteil des Landgerichts Köln vom 15. März 1972

Passagen aus dem Bescheid des Bundesverwaltungsamts Köln vom 11. Mai 1971 und aus dem Urteil des Landgerichts Köln vom 15. März 1972 auf den Antrag auf Entschädigung von Wiktorja Delimat zeigen die Abwehr der deutschen Behörden gegen Wiedergutmachungswünsche ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.
Quelle: Wiktorja Delimat, Göttingen


In allen betroffenen Ländern tun sich die Behörden und die Menschen aus unterschiedlichen Gründen schwer mit dem Erbe der Zwangsarbeit. Für die direkt Betroffenen, die früheren Zwangsarbeitenden, ging es zuallererst darum, in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen und die materielle Lebensgrundlage sicherzustellen. Für die Gesellschaft hätte eine Beschäftigung mit dem Thema, eine Anerkennung der Leiden der ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, moralische und auch finanzielle Fragen aufgeworfen. Um solche Diskussionen machten sowohl Politik und Verwaltung als auch die Mitbürger – diejenigen in den überfallenen Ländern, die nicht verschleppt wurden oder keinen Widerstand leisteten, wie auch die „Arbeitgeber“ und Nutznießer in Deutschland – lieber einen Bogen. Die über Jahrzehnte verweigerte individuelle Entschädigung für NS-Zwangsarbeit zeigt dies beispielhaft.

Ein beredtes Beispiel für die Schwierigkeiten und Widerstände, die einer Anerkennung dieses Kriegsverbrechens und Verbrechens gegen die Menschlichkeit im Wege stehen, bot schließlich die Abwicklung der späten Entschädigung seit dem Jahr 2001: Von den Betroffenen wird sie häufig nicht als die Erfolgsgeschichte wahrgenommen, als die sie Staat und Wirtschaft in Deutschland darstellen. Die Ausstellung „Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit. Südniedersachsen 1939-1945“ ist in internationaler Zusammenarbeit von Partnern aus Polen, den Niederlanden, Italien und Deutschland entstanden und fühlt sich Elie Wiesels im Juni 2009 in Buchenwald gesprochenen Worten verpflichtet: „Die Erinnerung muss die Menschen aufeinander zugehen lassen und sie nicht voneinander trennen.“