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Station 12

Konzentrationslager und Außenkommandos

Auszug aus Station 12 der Ausstellung


KZ-Außenkommando Brunshausen

Im Oktober 1944 wurde in Brunshausen bei Bad Gandersheim ein Außenkommando des KZ Buchenwald gegründet. Bis zu 600 männliche KZ-Häftlinge aus 14 verschiedenen Nationen, v.a. Franzosen, Italiener, Russen und Polen, sollten in dem kurz zuvor hierher verlegten Flugzeugwerk der Ernst Heinkel AG arbeiten. Auch einige Deutsche waren darunter. Die Häftlinge mussten sich selbst bei viel zu geringer Versorgung und klirrender Kälte ein Barackenlager auf dem Firmengelände bauen. Nachts mahlten die Gefangenen im Schlaf mit den Zähnen, erzählt der ehemalige Gefangene Willy Seman: „Wir träumten alle von Nahrung. Die Hälfte all unserer Gespräche kreiste ums Essen, die andere um die Frage: Werden wir hier jemals lebendig herauskommen?“

Holzkreuze auf den Gräbern der Toten des KZ-Außenkommandos Brunshausen auf dem Gandersheimer Salzbergfriedhof bei einer Gedächtnisfeier im April 1946

Holzkreuze auf den Gräbern der Toten des KZ-Außenkommandos Brunshausen auf dem Gandersheimer Salzbergfriedhof bei einer Gedächtnisfeier im April 1946, ein Jahr nach dem Massaker im Clus-Wald.
Quelle: Museum der Stadt Bad Gandersheim/ Katholische Pfarrgemeinde Bad Gandersheim

Mindestens 22 Häftlinge starben vor der „Evakuierung“ des Lagers in Brunshausen. In den Morgenstunden des 4. April 1945 wurden 40 Häftlinge in den nahe gelegenen kleinen Wald gebracht und dort von SS-Männern erschossen. Die übrigen Häftlinge mussten einen „Todesmarsch“ antreten. Unterwegs kam es zu etlichen von der SS verübten Morden. Viele Häftlinge starben auf dem Marsch oder auf dem abschließenden Transport in Güterwaggons zum KZ Dachau. Am 27. April 1945 erreichten 122 Männer des Außenkommandos Brunshausen das KZ Dachau. Viele von ihnen überlebten die zwei Tage später stattfindende Befreiung des KZ durch amerikanische Truppen nur um einige Wochen.


Ungarische Jüdinnen in Duderstadt

„Wir hatten in Pécs ein ziemlich großes Geschäft, Lebensmittel und Eisen. Meine Eltern arbeiteten im Geschäft. So war bei mir ein Kindermädchen. Meine Eltern waren nicht orthodox und nicht religiös. Nur das Neujahrsfest und Jom Kippur wurden gefeiert. Wir waren assimilierte Juden“, erinnert sich Judit Nyitrai. Dann kam die Besetzung Ungarns durch die Wehrmacht am 19. März 1944. Jüdinnen und Juden wurden beraubt, in Ghettos und Lager gesperrt und 400.000 von ihnen wurden nach Auschwitz deportiert. Einige wurden für eine auf die Dauer als tödlich gedachte Sklavenarbeit selektiert. So gelangte Judit Nyitrai am 4. November 1944, auf dem Weg über das KZ Bergen-Belsen, zusammen mit 746 weiteren ungarischen und drei polnischen bzw. tschechischen Jüdinnen nach Duderstadt. Das Lager Duderstadt war ein Außenlager des KZ Buchenwald. Hier mussten die Gefangenen in der Munitionsfabrik Polte Zwangsarbeit leisten.

Mária Schwartz beschreibt die Arbeit rückblickend: „In Schnee und Eis gingen wir den weiten Weg zur Fabrik, barfuß in Holzschuhen und ohne Unterwäsche in einer gestreiften Häftlingsuniform. Die Aufseherinnen begleiteten uns mit Schäferhunden. (…) Es kam vor, dass uns im Schnee die Schuhe von den Füßen fielen. (…) In der Fabrik musste ich alleine an einer großen Maschine Patronenhülsen formen. Die kleineren Patronen waren in Lauge eingelegt und ich musste sie ohne Handschuhe aus der Lauge in die Maschine legen. (…) Das kleine bisschen ranzige Margarine (ca. 20 g) konnte ich nicht essen, da ich sie auf meine von der Lauge zerfressenen Hände schmieren musste, so weh tat es.“

Vier der Frauen starben im Lager Duderstadt. Ein im Lager geborenes Kind konnte nicht überleben. Kurz vor der Besetzung der Stadt durch amerikanische Truppen am 9. April 1945 wurde das Kommando ins KZ Theresienstadt evakuiert, wo die Frauen am 8./9. Mai 1945 durch die Rote Armee befreit wurden.

Klassenfoto von 1943. Katalin Weinberger (spätere Rutkai) sitzt in der 1. Reihe, 7. von links.

Klassenfoto von 1943. Katalin Weinberger (spätere Rutkai) sitzt in der 1. Reihe, 7. von links.
Quelle: Katalin Rutkai, Miskolc/ Geschichtswerkstatt Duderstadt e.V.

Katalin Fischer, spätere Forgács, im Alter von 14 Jahren. Quelle: Katalin Forgács, Miskolc/ Geschichtswerkstatt Duderstadt e.V.

Katalin Fischer, spätere Forgács, im Alter von vierzehn Jahren.
Quelle: Katalin Forgács, Miskolc/ Geschichtswerkstatt Duderstadt e.V.


Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen

Neben dem zivilen „Arbeitseinsatz“ und den Arbeitskommandos der Kriegsgefangenen gab es seit dem Spätsommer 1942 ein weiteres System der Zwangsarbeit: das der Außenkommandos von Konzentrationslagern. Hier mussten ausländische und deutsche KZ-Häftlinge in aller Regel in Rüstungsbetrieben arbeiten. Der Betrieb stellte die Unterkünfte, die SS war für Bewachung, Verpflegung, Kleidung und medizinische Versorgung zuständig. Das Unternehmen musste pro Tag vier Reichsmark für Ungelernte und Frauen und sechs Reichsmark für Facharbeiter an die SS überweisen; die Häftlinge erhielten nichts und waren vollkommen rechtlos.

Das jeweilige Außenkommando wurde meistens dem nächstgelegenen großen KZ zugeordnet. Auf südniedersächsischem Gebiet existierten drei Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald: in Brunshausen bei Bad Gandersheim, in Duderstadt und in Weende bei Göttingen. Außerdem mussten die Häftlinge des „polizeilichen Jugendschutzlagers“ (Jugend-KZ) Moringen Zwangsarbeit in verschiedenen Arbeitskommandos in der Umgebung verrichten.