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Station 11

Ein Leben in Gefahr

Auszug aus Station 11 der Ausstellung

Jan Klompenhouwer, niederländischer Zwangsarbeiter im Flakzeugamt Egelsberg (Göttingen), kann die antisemitischen Hassgesänge seines Aufsehers nicht ertragen. Aus einer kleinen Provokation wird eine Schlägerei, und Jan landet im berüchtigten „Lager 21“, einem „Arbeitserziehungslager“ (AEL) in Salzgitter-Watenstedt. Wenig und schlechtes Essen, schwere Arbeit, unregelmäßiger Appell, Kälte, Beschimpfungen und Krankheit verlangen ihm in den folgenden Wochen alles ab. Während er todkrank in einer Baracke liegt, fragt ein polnischer Pfleger: „Ist der Holländer noch nicht tot? Warum stirbst du nicht, du wirst doch nie wieder arbeiten?“ Jan antwortet kaum hörbar: „Jetzt geht es schlecht, aber irgendwann wird es wieder besser gehen.“ Als er aus dem AEL entlassen wird, kann er sich kaum auf den Beinen halten. Im Flakzeugamt kommt er langsam wieder zu Kräften. Seine Befreiung erlebt Jan in Lindenthal bei Leipzig, von wo er auf abenteuerlichen Wegen über Paris in die Niederlande zurückkehrt.

Hochofen der „Hermann-Göring-Werke“ in Salzgitter-Watenstedt 1945. An verschiedenen Stellen des Werkes wurden Häftlinge des AEL im Arbeitseinsatz geschunden.

Hochofen der „Hermann-Göring-Werke“ in Salzgitter-Watenstedt 1945. An verschiedenen Stellen des Werkes wurden Häftlinge des AEL im Arbeitseinsatz geschunden.
Quelle: Stichting Deportatie Oktober 1944 Noord en Midden Limburg/ L. Steeghs

Józef Łytka-Woszczyk arbeitet mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder Henryk auf einem Bauernhof in Reiffenhausen. Ein Sommersonntag im Jahr 1943 hat furchtbare Folgen für den 17-Jährigen aus Polen: Józef hat schlechte Laune, weil er trotz des Feiertags arbeiten muss und man ihm dazu noch eine schlechte Mahlzeit gibt. Nach einem Wortwechsel schlägt ihn der Sohn des Bauern mit der Peitsche. Józef läuft weg, der Bauer hinterher, stürzt aber und blutet. Józef wird verhaftet und bei der Gestapo in Hildesheim so schlimm misshandelt, dass er wochenlang nicht auf dem Rücken liegen kann. Man bringt ihn ins KZ Buchenwald. Dort wird Józef zum Objekt medizinischer Versuche. Später kommt er in die „SS-Baubrigade IV“ und muss in Wuppertal nach Bombenangriffen Trümmer räumen. Er ist verzweifelt. Später schreibt er: „Ich habe Gott gebeten, dass eine Bombe mein Leid beendet.“ Ab Mai 1944 wird die Baubrigade im Südharz eingesetzt, wo Józef unter anderem in Stollen arbeiten muss, in denen KZ-Häftlinge die „V2“-Raketen bauen. Vor Hunger kommt er fast um. Erst im April 1945 wird er endlich befreit. Er trifft seine Eltern in Bremke und sucht auch den Bauern auf, der ihn ins KZ gebracht hat. Józef Łytka-Woszczyk sagt ihm, was er von ihm hält, verzichtet aber darauf, ihn bei den amerikanischen Behörden anzuzeigen.

Józef Łytka-Woszczyk in jungen Jahren

Józef Łytka-Woszczyk in jungen Jahren.
Quelle: Józef Łytka-Woszczyk, Drawno

Im Juni 1944 errichtete die Gestapo einen fahrbaren Galgen im „Ostarbeiterlager“ in der Hannoverschen Straße in Einbeck. Hier wurden die beiden sowjetischen Arbeiter Theodor Gritschenko und Alexander Taranow, beide bei den Holzwerken „Hansa“ eingesetzt, hingerichtet. Alle Insassen des Lagers mussten zusehen, auch Theodor Gritschenkos im sechsten Monat schwangere Ehefrau Tatjana, die dabei in Ohnmacht fiel, und die gemeinsame Tochter Ljudmila. Bis heute ist nicht ganz geklärt, ob ein Streit oder die Bildung einer kleinen Widerstandsgruppe im Lager den Hintergrund für die Hinrichtung bildeten. Die Leichname hingerichteter Zwangsarbeiter benutzt in aller Regel das Anatomische Institut der Universität Göttingen, um Medizinstudenten daran auszubilden.

Im Ort Uschlag freundet sich der polnische Zwangsarbeiter Władysław Stankowski mit der Landarbeiterin Lina Schäfer an. Solche Liebschaften sind strengstens verboten. Dieses Verhältnis wird selbst dann nicht verraten, als Lina Schäfer schwanger wird und eine Fehlgeburt erleidet. Bei der zweiten Schwangerschaft bewahrt die Befreiung das Paar vor den drohenden Folgen. Als die Tochter im Dezember 1945 geboren wird, haben die Eltern bereits geheiratet. Monate vorher hätte ihre Liebe sie ihr Leben kosten können.

Wiktorja Delimat, Zwangsarbeiterin im Kreis Göttingen, mit dem „P“-Abzeichen

Wiktorja Delimat, Zwangsarbeiterin im Kreis Göttingen, mit dem „P“-Abzeichen.
Quelle: Wiktorja Delimat, Göttingen

Der Grad ihrer Gefährdung war von der Herkunft der Zwangsarbeitenden abhängig: Menschen aus den mit Deutschland verbündeten Staaten – wie Italien bis 1943 – oder Angehörige einer in den Augen der Nazis „wertvollen Rasse“ – wie z.B. die „arischen“ Niederländer – hatten mehr Rechte als die Angehörigen der „slawischen Völker“ aus den überfallenen Staaten Osteuropas. Am schlimmsten erging es deutschen und ausländischen Juden und „Zigeunern“, die vernichtet werden sollten. Für Zwangsarbeitende aus Polen und der Sowjetunion existierten Sondergesetze, die einzuhalten fast unmöglich war. U.a. mussten sie immer ein diskriminierendes Kennzeichen mit dem Aufdruck „P“ bzw. „OST“ an ihrer Kleidung tragen.

Mit dieser Differenzierung folgten die Nationalsozialisten nicht nur ihrem rassistischen Weltbild, sondern wollten auch einen Zusammenschluss aller Zwangsarbeitenden untereinander verhindern.