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Station 10

Gesundheitswesen

Auszug aus Station 10 der Ausstellung

Eduarda F., 17-jährige polnische Hilfsarbeiterin aus dem Friedrichstift in Uslar, wurde am 6. Juli 1940 mit schwersten Verletzungen in die Göttinger Universitätsklinik gebracht. Sie hatte sich einen Schädelbasisbruch, eine komplette Fraktur des rechten Unterarms und stumpfe Bauchverletzungen zugezogen sowie das linke Ellbogengelenk verrenkt und gebrochen. Die junge Frau war aus dem Fenster ihrer höher gelegenen Unterkunft gesprungen, in der Absicht, sich das Leben zu nehmen. Die Hintergründe des Suizidversuchs sind nicht bekannt. Es ist den Ärzten letztlich gelungen, Eduarda F. das Leben zu retten. Sie wurde am 4. September 1940 entlassen. Ihr weiteres Schicksal ist nicht bekannt.

Die Gebäude der Göttinger Kliniken um 1895

Die Gebäude der Göttinger Kliniken um 1895.
Quelle: Städtisches Museum Göttingen

Die 21-jährige Belgierin Julia de Droogh leistet ab dem 15. Juni 1943 Zwangsarbeit in den Göttinger Universitätskliniken. Sie wird in der Chirurgischen Klinik als Küchenmädchen eingesetzt und in der Goßlerstraße 10 untergebracht. Dort befindet sich eine Sammelunterkunft, in der zwischen 1942 und 1945 weitere 16 Frauen im Alter von 16 bis 49 Jahren unter beengten Verhältnissen wohnen müssen. Sie kommen aus sechs europäischen Ländern, die meisten aus Polen. Julia de Droogh ist vermutlich infolge der im Oktober 1942 in Belgien eingeführten Melde- und Dienstpflicht zum „Arbeitseinsatz“ ins Deutsche Reich verschleppt worden. Die Eintragungen auf ihrer Lohnkarte enden im August 1943, nicht einmal drei Monate nach Arbeitsantritt. Handschriftlich wurde mit Bleistift ergänzt „ab 5.8.1943 im Straflager“. Das bedeutete in der Regel die Einweisung in ein sogenanntes Arbeitserziehungslager.

Die Dienstbaracke des Lagers des KZ-Außenkommandos in Brunshausen. Sie beherbergte u.a. die „Krankenstube“

Die Dienstbaracke des Lagers des KZ-Außenkommandos in Brunshausen. Sie beherbergte u.a. die „Krankenstube“ und die Wäscherei. Im Hintergrund Teile der Werksgebäude (Aufnahme von 1946).
Quelle: Museum der Stadt Bad Gandersheim/ Katholische Pfarrgemeinde Bad Gandersheim

Im Gesundheitswesen kamen Zwangsarbeitende sowohl als Beschäftigte wie als Behandelte vor. In beiden Fällen blieben sie jedoch in der Rolle von Objekten. Als grundsätzlich entrechtete Personengruppe trafen sie in Situationen persönlicher Not und Hilfsbedürftigkeit auf eine Medizin, die ihre ethischen Grundsätze häufig aufgegeben hatte: Nationalsozialistische Vorstellungen von maximaler „Verwertbarkeit“, „rassischer“ Hierarchie und einem „gesunden Volkskörper“ übten einen starken Einfluss aus. Von der konkreten Umsetzung dieser nationalsozialistischen Medizin hingen Gesundheit und Leben der Zwangsarbeitenden ab.

Das sollte unterbunden werden: Der polnische Junge Henryk Łytka einträchtig mit der einheimischen kleinen Brundhild in Reiffenhausen

Das sollte unterbunden werden: Der polnische Junge Henryk Łytka einträchtig mit der einheimischen kleinen Brundhild in Reiffenhausen, 6.6.1942.
Quelle: Henryk Łytka, Choszczno

Kleinkinder osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen mussten in den letzten Kriegsjahren auch in Südniedersachsen in regionale „Entbindungs-“ oder „Säuglingsstationen“ gegeben werden. In den meisten dieser Einrichtungen waren die Sterberaten der Zwangsarbeiterkinder erschreckend hoch.

Zwangsarbeitergräber auf dem Friedhof in Meensen

Zwangsarbeitergräber auf dem Friedhof in Meensen.
Quelle: Günther Siedbürger, Göttingen

Hunderte Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter überlebten den „Einsatz“ in Südniedersachsen nicht. Auf dem Gebiet der heutigen Landkreise Göttingen und Northeim dürfte es mehr als tausend Todesfälle ausländischer Zwangsarbeitender gegeben haben.